Chaos-Initiative gefährdet Graubünden stark
- Simon Rageth
- 4. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Vieles, wenn nicht schon alles, wurde über die gefährliche Chaos-Initiative, welche am 14. Juni 2026 zur Abstimmung kommt, schon geschrieben. Doch wir dürfen nicht müde werden, auf die Gefahren bei Annahme der Initiative hinzuweisen. Graubünden lebt vom Tourismus. Kaum eine andere Branche prägt unseren Kanton wirtschaftlich und gesellschaftlich so stark. Über 30 Prozent aller Arbeitsplätze stehen direkt oder indirekt mit dem Tourismus in Verbindung, jeder vierte erwirtschaftete Franken ist tourismusbezogen. Besonders die Hotellerie und Gastronomie bilden das Rückgrat dieser Wertschöpfungskette. Genau hier aber würde die sogenannte «Chaos-Initiative» der SVP besonders einschneidende Folgen haben.
Die Initiative will die Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz durch eine fixe Obergrenze begrenzen. In der Konsequenz würde dies – so zeigen Analysen aus Politik und Wirtschaft – die Kündigung zentraler Abkommen mit der Europäischen Union nach sich ziehen, insbesondere der Personenfreizügigkeit. Damit würde jene Personal-Rekrutierungsbasis untergraben, auf die gerade der Tourismus dringend angewiesen ist.
Denn die Realität ist klar: Der Fachkräftemangel ist im Kanton Graubünden bereits heute ausgeprägt und wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Demografische Entwicklungen führen dazu, dass künftig deutlich mehr Menschen in Pension gehen, als in den Arbeitsmarkt eintreten. Gleichzeitig ist der Tourismus traditionell stark auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ein erheblicher Teil der Beschäftigten im Gastgewerbe stammt aus dem Ausland; schweizweit liegt der Anteil ausländischer Erwerbstätiger bei rund 35 Prozent, wovon der Grossteil aus EU- und EFTA-Staaten kommt.
Fällt diese Rekrutierungsmöglichkeit weg oder wird stark eingeschränkt, hat dies unmittelbare Folgen. Betriebe müssen Angebote reduzieren, Öffnungszeiten einschränken oder im Extremfall ganz schliessen. Die Qualität leidet und die Wettbewerbsfähigkeit sinkt. Gerade im internationalen Tourismus, wo Graubünden im Wettbewerb mit alpinen Destinationen im Ausland steht, wäre dies ein struktureller Nachteil mit langfristigen Konsequenzen.
Die Auswirkungen reichen jedoch weit über einzelne Betriebe hinaus. Der Tourismus funktioniert als vernetztes System: Hotels, Restaurants, Bergbahnen, Detailhandel und Verkehr sind eng miteinander verflochten. Wenn Personal fehlt, gerät die gesamte Wertschöpfungskette unter Druck. Investitionen werden zurückgestellt, Innovationen verlangsamen sich, und die regionale Wirtschaft verliert an Dynamik.
Hinzu kommt eine strukturelle Unsicherheit. Durch die Einführung starrer Kontingente würde die Zuwanderung nicht mehr am tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft ausgerichtet, sondern administrativ gesteuert. Unternehmen verlieren damit Planungssicherheit, was Investitionen zusätzlich hemmt. Gerade in einer Branche mit langfristigen Investitionszyklen – etwa im Hotelbau oder in touristischen Infrastrukturen – ist dies ein entscheidender Faktor.
Die Chaos-Initiative vermittelt den Eindruck, komplexe Herausforderungen mit einfachen Lösungen anzugehen. In Wirklichkeit verschärft sie zentrale Probleme. Für Graubünden steht viel auf dem Spiel. Der Tourismus ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern prägt die Attraktivität des Kantons als Lebens- und Arbeitsraum. Eine Schwächung dieser Branche trifft letztlich die gesamte Bevölkerung – von der Bergbahn bis zum lokalen Gewerbe.
Eine verantwortungsvolle Wirtschaftspolitik muss die realen Herausforderungen anerkennen: den demografischen Wandel, den Fachkräftemangel und die internationale Verflechtung der Schweiz. Sie muss Lösungen bieten, die diese Realitäten einbeziehen, statt sie auszublenden. Die Chaos-Initiative tut genau das Gegenteil. Sie gefährdet damit nicht nur die Stabilität der Schweiz, sondern auch die wirtschaftliche Zukunft von Graubünden. Diese gefährliche Initiative gilt es deshalb entschieden abzulehnen.
Dieser Beitrag erschien am 4. Juni 2026 als Gastkommentar im Bündner Tagblatt.


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